Abschaffung der Zeitumstellung angekündigt Ein Abschiedsgeschenk Junckers von zweifelhaftem Nutzen

Ortstafel: Zeitumstellung abschaffen
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EU-Kommissions­präsi­dent Juncker möchte sich von seinen EU-Untertanen mit einem besonderen Geschenk verabschieden: Der Abschaffung der zweimaligen jährlichen Zeitumstellung1. Ein solcher Schritt wird seit längerem in der Öffentlichkeit diskutiert und viele Bürger hoffen darauf. Dies zeigt auch eine Umfrage der Kommission2. Begeisterung ist jedoch kaum angebracht: Die Zeitumstellung wurde in der Vergangenheit bereits mehrfach eingeführt und wieder abgeschafft und das stets mit ähnlichen Argumenten und ähnlichem Enthusiasmus. Junckers Geschenk könnte sich durchaus als Danaergeschenk erweisen.

Was soll eigentlich abgeschafft werden?

Irritationen hat es in der Öffentlichkeit darüber gegeben, was die Formulierung »Abschaffung der Sommerzeit« konkret bedeutet. Sie setzt voraus, dass die zweimaligen jährlichen Zeitumstellung abgeschafft werden muss. Doch was dann? Welche »Zeit« soll dann gelten? Die Protagonisten der Abschaffung gehen davon aus, dass dann die bisherige Winterzeit gilt, wie auch schon vor der Einführung der Sommerzeit zu Beginn dieses Jahrhunderts. In Umfragen sprich sich freilich eine Mehrheit der Befragten dafür aus, dass danach die bisherige Sommerzeit zur Standardzeit wird. Beides wäre rechtlich möglich.

Die für ale Mitgliedsstaaten verbindliche saisonale Zeitumstellung im März und im Oktober eines jeden Jahres wurde durch die »Richtlinie 2000/84/EG zur Regelung der Sommerzeit« eingeführt. Eine Abschaffung der Zeitumstellung setzt also eine Aufhebung dieser Richtlinie voraus, wodurch allerdingas nur die Verpflichtung alle Mitgliedsstaaten der EU zum Wechsel zwischen Sommerzeit und Winterzeit beseitigt würde.

Die Festlegung der der für die einzelnen Mitgliedsstaaten bzw. Territorien geltenden Zeitregelung wird davon jedoch nicht berührt. Sie liegt in der ausschließlichen Kompetenz der Mitgliedsstaaten. Nach der Abschaffung der Sommerzeitverordnung der EU kann jeder nationale Gesetzgeber die für seinen Staat verbindliche Zeitregelung selbst festlegen. Er kann entweder bei der zweimaligen jährlichen Zeitumstellung bleiben oder, der EU folgend, den Wechsel zwischen Sommerzeit und Winterzeit ebenfalss abschaffen. Um dies zu erreichen müssten diejenigen rechtsetzenden Regelungen aufgehoben werden, durch die seinerzeit die nationale Anpassung an die EU-Richtlinie bewirkt worden war.

Ebenfalls in rein nationaler Kompetenz liegt die Entscheidung darüber, ob die nach Abschaffung der Zeitumstellung jährlich einheitliche Standardzeit der derzeitigen Sommerzeit oder der derzeitigen Winterzeit entspricht. Diese Entscheidung dürfte sich sowohl auf nationaler Ebene wie zwischen den Mitgliedsstaaten als die politisch brisanteste erweisen.

Um auch nach der Aufhebung der EU-Richtlinie zu einer EU-weit einheitlichen Zeitregelung zu kommen, sind daher Verhandlungen zwischen den Mitgliedsstaaten erforderlich, die zu einer einvernehmlichen völkerrechlichen Vereinbarung führen. Diese düften zwar durchaus erfolgreich abgeschlossen werden, wie dies auch in der nationalstaatlich dominierten Zeit des 19. Jahrhunderts möglich war. Es bleibt aber fraglich, ob die Vorteile einer Abschaffung der Zeitumstellung den nicht unerheblichen Aufwand rechtfertigen, der hierzu erforderlich ist.

Auswirkungen der Abschaffung der regelmäßigen Zeitumstellung«

Durch die Abschaffung der zweimalig im Jahr vorgenommenen Zeitumstellung wird zwar das Ärgernis beseitigt, dass Mensch und Tier zweimal im Jahr ihre inneren Uhren an die geänderte amtliche Zeit angepassen müssen und somit jeweils einen (minimalen) Jetlag erleiden. Allerdings wird dadurch auch die verbesserte Anpassung des Tagesablaufs an die an die geophysikalischen Gegebenheiten3 beseitigt, die den natürlichen Tagesablauf bestimmen und die mit den Erfordernissen und kulturellen Gepflogenheiten des modernen Lebens inkompatibel sind.

Seit Millionen von Jahren hat sich das Leben von Pflanzen und Tieren an den Lauf der Sonne als dem definitiven Energiespender angepasst. Dies gilt saisonal wie im täglichen Ablauf. Durch evolutionäre Selektion haben sich auch die inneren Taktgeber des menschlichen Körpers im großen und ganzen dem Sonnenverlauf angepasst. Dem ensprach auch über viele Jahrhunderte hinweg der Lebensrhythmus der Menschen. Noch im ausgehenden Mittelalter und der frühen Neuzeit spielte sich der tägliche Broterwerb in Landwirtschaft und Handwerk vorwiegend in der Zeit ab, in der die Helligkeit des Sonnenlichts verfügbar war: Zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang. Die Länge des Arbeitstages änderte sich demzufolge im saisonalen Rhythmus.

Zwei Entwicklungen haben wesentlich dazu beigetragen, diese Synchronität aufzubrechen.

  • Das ist zum einen die industrielle Produktionsweise mit ihrer strikten zeitlichen Taktung und der wirtschaftlich gebotenen Notwendigeit, die gesamte verfügbare Tageszeit produktiv zu nutzen. Diese zeitliche Taktung hat sich – auch dank der Entwicklung des Transportwesens – inzwischen im gesamten menschlichen Leben durchgesetzt.
  • Und das ist zum anderen die Entwicklung der Beleuchtungstechnik. Zwar lässt sich der Gebrauch von Kienspan und Öllampen wohl drei Jahrtausende zurückverfolgen. Doch erst die Verbreitung der elektrischen Beleuchtung ermöglicht die Überwindung der nächtlichen Dunkelheit im großen Maßstab und zu tragbaren Kosten.

In fast allen Gesellschaften – von wenigen Volksstämmen abgesehen – hat sich der kulturell geprägte Lebensrhythmus vollständig vom geophysikalisch vorbestimmten »natürlichen« Verlauf abgelöst, ohne dass sich die inneren biologischen Rhythmen der Menschen und Tiere, die urspünglich vom Sonnenlauf geprägt wurden, dem hätten anpassen können.

Der typische tägliche Verlauf der der produktiven und konsumptiven menschlichen Aktivitäten ist gegenüber dem Sonnenlauf nach »später« verschoben. Hiervon machen nur einige wichtige berufliche Tätigkeiten eine Ausnahme, wenn sie beispielsweise als Schichtarbeit organisiert sind. Ein Großteil der menschlichen Aktivitäten erfolgt nach dem Zeitpunkt des Sonnenhöchststandes, der in der Mitte zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang liegt.

Ein konkretes Beispiel: Der Sonnenverlauf in Bonn

Dies wird deutlich, wenn man sich die Sonnenauf- und -untergänge ansieht, die für vier Termine in der folgenden Tabelle angegeben sind. Es handelt sich um die Tage der Wintersonnenwende, der Sommersonnenwende und der Tag- und Nachtgleiche (»Äquinoktien«) im Frühling und im Herbst. Angegeben sind die Zeiten in Mitteleuropäischer Zeit (MEZ bzw. UTC+1) für Bonn. Man erkennt zum einen die Schwankungen des Sonnenverlaufs (die Sonnenscheindauer und die Eintrittszeiten an den beiden Äquinoktien differieren) und zum anderen, dass Bonn an der Grenze zwischen zwei Zeitzonen liegt (die Eintrittszeiten liegen bei beiden Äquinoktien deutlich später als ihre theoretischen Sollwerte 06:00 Uhr bzw. 18:00 Uhr).

Sonnenstand in Bonn4 (MEZ = UTC+1)
Bedeutung WSW 2018 Tag = Nacht SSW 2019 Tag = Nacht WSW 2019
  21.12.2018 20.03.2019 21.06.2019 23.09.2019 22.12.2019
Sonnenaufgang MEZ 08:46 h 06:44 h 04:38 h 06:27 h 08:46 h
Sonnenuntergang MEZ 15:58 h 18:31 h 20:32 h 18:16 h 15:59 h
Sonnenscheindauer 07:11 h 11:47 h 15:54 h 11:48 h 07:12 h

Anhand dieses Beispiels lassen sich die Auswirkungen einer Abschaffung der Zeitumstellung veranschaulichen. Dabei gehen wir davon aus, dass alle Terminabsprachen ausschließlich auf der Basis der Standardzeit erfolgen, der Beginn der meisten beruflichen Tätigkeiten zwischen 7:30 Uhr und 9:00 Uhr liegt und etwa 1:00 bis 1:30 h als »Rüstzeit« benötigt werden. Zwei Fälle sind zu unterscheiden: Nach Abschaffung der Zeitumstellung wird als Standardzeit entweder die bisherige Winterzeit (MEZ bzw. UTC+1) oder die bisherige Sommerzeit (MEZ+1 bzw. UTC+2) festgelegt.

  • Standardzeit wird die bisherige Winterzeit. Dann ändert sich nichts für das Winterhalbjahr5. Während des Sommerhalbjahres geht die Sonne eine Stunde später auf als jetzt. Man schläft länger in den sonnenhellen Tag. Ein Teil des Sonnenlichts wird schlicht verschlafen.
  • Standardzeit wird die bisherige Sommerzeit. Dann ändert sich nichts für das Sommerhalbjahr. Während des Winterhalbjahres geht die Sonne eine Stunde später auf. Man beginnt das Tagesgeschäft in tiefer Nacht und muss länger auf die Sonnenhelligkeit warten.

Fazit

Das Konzept der Sommerzeit ist, die Uhr eine Stunde vorzustellen, um die Sonnenhelligkeit besser auszunutzen. Sie heißt deshalb in den USA auch »daylight saving time«. Bei nüchterner Betrachtung der Tabelle wird deutlich, dass es mit den Vorteilen nicht weit her ist, zumal dann, wenn man auch noch die Dämmerung, die bei uns zwischen einer halben und einer Stunde dauert, in die Betrachtung mit einbezieht. Es wundert daher nicht, dass sich statistisch auch kaum eine Energierersparnis nachweisen lässt. Die Bevorzugung der Sommerzeit ist deshalb wohl nur psychologisch zu verstehen. Dafür spricht auch, dass Arbeitnehmer (in der Vergangenheit?) einen frühen Schichtbeginn bevorzugt haben, um ihre Freizeit bei Sonnenlicht genießen zu können. Andererseits erscheint fraglich, ob sie die verlängerte Nacht hinzunehmen bereit wären, die ihnen eine Umstellung auf eine ganzjährige Gültigkeit der Sommerzeit bescheren würde.

Aus diesem Dilemma gibt es kein Entrinnen. Menschen, die sich leicht an eine Zeitumstellung von (nur) einer Stunde anpassen, deren innere Uhr, anders formuliert, leicht justierbar ist, werden die bessere Anpassung des Lebensrhythmus an die strikt getaktete Standardzeit vorziehen, die ihnen die Zeitumstellung gewährt. Menschen, die erhebliche Schwierigkeiten mit den Umstellungen der Uhr haben, werden wohl die leichten Nachteile, die ihnen eine jahreseinheitliche Zeit bereitet, sei es sommers oder winters, hinzunehmen haben und hinzunehmen bereit sein. Wie auch immer die Politik entscheidet, das Thema Zeitumstellung/Sommerzeit wird in absehbaren Zeitabständen immer wieder virulent werden.


  1. Quelle: Bekanntmachungen der Kommission
    • https://ec.europa.eu /info/consultations/2018-summertime-arrangements_de.
    • http://europa.eu/rapid/press-release_IP-18-5302_en.htm.
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  2. In einer Online-Befragung (»öffentliche Konsultation«) haben sich die EU-Bürgern mit großer Mehrheit – 84 vom Hundert der abgegebenen Stimmen – für einen solchen Schritt ausgesprochen. Mit 4,6 Mio. abgegebenen Stimmen bei etwa 400 Mio. stimmberechtigten EU-Bürgern liegt das Ergebnis jenseits aller statistischen Signifikanz. Es bildet vor allem die Stimmung derjenigen ab, die sich am intensivsten duch die Zeitumstellung beschwert fühlen. Die fehlende statistische Signifikanz ist freilich für das weitere Vorgehen der Europapolitiker ohne jede Relevanz; »Konsultationen« sind im Sinne der Europäischen Verträge allenfalls eine Arabeske des Gesetzgebungsverfahrens ohne jede juristische Verbindlichkeit.
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  3. Die geophysikalischen Gegebenheiten sind die Erdumdrehung und die Bewegung der Erde um die Sonne. Physikalische Untersuchungen haben ergeben, dass die darauf fußende natürliche Zeit geringfügige Schwankungen aufweist, so dass man eine für alle praktischen Belange schwankungfreie abstrakte Zeit definiert hat: die Universal Time Coordinated UTC, die durch Atomuhren angezeigt wird. Sie ist vom geographischen Standort unabhängig. Für 24 geografische Zonen wird jeweils eine »Zonenzeit« festgelegt, die sich jeweils auf einen Längengrad beziehen. Für Deutschland ist dies der Längengrad 15° Ost. Die zugehörige Zonenzeit heißt Mitteleuropäische Zeit (MEZ). Sie ist in Deutschland die gesetzliche Standardzeit, die ganzjährig gilt. Derzeit entspricht die sogenannte »Winterzeit« der MEZ (UTC +1). Von ihr kann auf Grund von Gesetzen abgewichen werden. Eine solche Abweichung schreibt die o.a. EG-Verordnung vor. Diese Abweichung, um deren Elimination es jetzt geht, ist die sogenannte »Sommerzeit«.
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  4. Quellen:
    • SolarTopo. URL http://www.solartopo.com/tageslaenge.htm.
    • timeanddate. URL https://www.timeanddate.de/astronomie/jahreszeiten
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  5. Als Winterhalbjahr wird hierbei die Zeit zwischen der Umstellung der Sommerzeit auf die Winterzeit (letzter Sonntag im Oktober) und der Winterzeit auf die Sommerzeit (letzter Sonntag im März) verstanden und entsprechend als Sommerhalbjahr die Zeit zwischen der Umstellung der Winterzeit auf die Sommerzeit (letzter Sonntag im März) und der Umstellung der Sommerzeit auf die Winterzeit (letzter Sonntag im Oktober). Die Zeitpunkte der Umstellung liegen etwas mehr als eine Woche bzw. fünf Wochen nach den entsprechenden Äquinoktien, damit der Eingriff in das tägliche Leben, den die Umstellung mit sich bringt, so gering wie möglich ausfällt.
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