Ein deutscher Patriot …

Kein Ereignis hat in den letzten Jahren das auf dem Boden der Bundesrepublik agierende politik-journalistische Establishment derart erregt wie die Entscheidung der türkischen Justiz, für den „deutsch-türkischen“ Journalisten Deniz Yücel Untersuchungshaft anzuordnen. Dies hat sogar zur Organisation eines, wenngleich eher mickrigen, Autokorsos gereicht, den wir, wem wohl, unter anderen dem ausgewiesenen Sodomie Experten Jan Böhmermann zu verdanken haben. Als besonders verdammenswert gilt dabei die Haltung der türkischen Justiz, dem Beschuldigten deutsche konsularische Unterstützung mit der Begründung vorzuenthalten, dass er türkischer Staatsbürger sei. Was er ja wohl auch ist. Das sind die bekannten Tücken einer doppelten Staatsbürgerschaft: Der eine oder andere Staat beharrt darauf, alle, die er einmal in seinen Klauen hat, nicht mehr aus seiner Jurisdiktion zu entlassen. War da nicht auch mal so was mit der DDR?

An sich bedürfte die Reaktion der einschlägigen Journaille keines besonderen Kommentars. Sie ist vor allem Ausfluss der Solidarität der Clans der Meinungsmacher, die stets geneigt sind, die von ihnen veröffentlichte Meinung als die öffentliche Meinung und ihre Interessen als diejenigen des demokratischen Gemeinwesens insgesamt auszugeben. Etwas mehr als anekdotische Bedeutung erhält der Vorgang allerdings durch eine Peinlichkeit, die dem Außenminister unterlaufen ist. Vom ZDF über die Themen seines Treffens mit dem türkischen Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu interviewt, bestätigte Außenminister Sigmar Gabriel, dass – selbstverständlich – auch die Inhaftierung des „deutsch-türkischen Journalisten“ Deniz Yücel zur Sprache komme, der nicht nur Journalist sei, sondern auch „ein deutscher Patriot“. Nicht etwa „Staatsbürger“, nein ausdrücklich „Patriot“.

Zu dieser Klassifizierung darf man dem Bundesaußenminister, dem als ausgebildetem Gymnasiallehrer mit dem Studienfach Germanistik die Bedeutung deutscher Wörter eigentlich geläufig sein müsste. ausdrücklich gratulieren. Wie dieser deutsche Patriot Yücel seinen deutschen Patriotismus versteht, hatte dieser zuvor in seiner Kolumne als Kolumnist der taz unmissverständlich kund getan, ganz freiwillig und ohne von jemandem in persönlicher Ansprache dazu provoziert worden zu sein: „Endlich! Super! Wunderbar! “ und: „Der baldige Abgang der Deutschen ist ein Völkersterben von seiner schönsten Seite … diese freudlose Nation also kann gerne dahinscheiden“1.

Yücel, in Deutschland geboren, besitzt sowohl die deutsche wie die türkische Staatsangehörigkeit2. Nach seinen emphatischen Äußerungen zu urteilen, ist er wohl kaum aus Zustimmung oder Loyalität Deutscher. Mit dem von unserer Kanzlerin strapazierten Wertekatalog hat er wohl auch nicht so, wie sein Umgang mit der Menschenwürde politischer Gegner nahelegt3. Wenn er dennoch eine doppelte Staatsangehörigkeit beibehält, muss er sich davon konkrete Vorteile versprechen. Das liefe im Extremfall auf einen mehr oder weniger ausgeprägten parasitären Opportunismus hinaus.

Aber: die wahren Motive anderer Menschen bleiben einem in der Regel verborgen. Selbst dann, wenn diese lauthals offenbart werden, hat man keine Garantie, dass solche Verkündungen den wahren Absichten auch wirklich entsprechen – vor allem, wenn es gute Gründe dafür gibt, eine gezielte Täuschung zu vermuten. Es gibt auch eine andere politische Interpretation für den euphorischen Ausbruch des studierten Politikwissenschaftlers. Auslöser nämlich ist eine Bevölkerungsprognose des Statistischen Bundesamtes: Während die Geburtenrate der Biodeutschen so niedrig liegt wie nirgends sonst in Europa leisten die „Einwanderer … ihren (freilich noch steigerungsfähigen) Beitrag zum Deutschensterben.“ Das also ist Yücels Wunschtraum: Ein islamischer Staat auf dem Gebiet der Bundesrepublik, herbeigeführt durch unterschiedliche Geburtenraten.

Noch ist es nicht soweit. Zwischenzeitlich kann Yücel die Konsequenzen seiner der Türkei geltenden staatsbürgerlichen Loyalität in extenso genießen, denn: „Etwas Besseres als Deutschland findet sich allemal.“ Er mag einen rechtlichen, sicherlich aber keinen moralischen Anspruch darauf haben, dass ihm von den erfreulicherweise zum Aussterben verurteilten Deutschen mehr Unterstützung zu Teil wird als den übrigen über hundert in der Türkei inhaftierten Journalisten. Und: In der Konzentration von deutscher Presse und Politik auf das Schicksal eines einzigen politisch eher dubiosen Journalisten gehen die Schicksale von Tausenden inhaftierter Richter, Polizisten, Beamten, Lehrer, Militärs und unbescholtener Bürger unter, denen, wenn man schon an universell gültige Menschenrechte glaubt, sicherlich mehr an solidarischer Unterstützung zusteht als ihnen von den gebietsansässigen Journalisten und der Bundesregierung erbracht wird.


  1. „Super, Deutschland schafft sich ab!“ Kolumne von Deniz Yücel. taz vom 4.8.2011. URL: taz.de/!5114887/. Zuletzt aufgerufen am 2017-03-15.
    zurück
  2. Nach Angabe der Kurt Tucholsky-Gesellschaft. URL: tucholsky-gesellschaft.de/2011/09/15/kurt-tucholsky-preis-fuer-literarische-publizistik-2011-an-deniz-yuecel. Zuletzt aufgerufen am 2017-03-13.
    zurück
  3. Yücel wird in wikipedia wie folgt zitiert: „dass man … Sarrazin »nur wünschen kann, der nächste Schlaganfall möge sein Werk gründlicher verrichten“«. URL: de.wikipedia.org/wiki/Deniz_Yücel. Zuletzt aufgerufen am 2017-03-13.
    zurück