Exportüberschüsse: Verfehlter Stolz


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Die deutsche Öffentlichkeit berauscht sich seit vielen Jahren an den Meldungen über immer neue Rekorde der deutschen Exportindustrie. Nun hat sie im Jahr 2016 einen neuen Allzeit-Höchststand erzielt. Bislang hatten unsere europäischen Nachbarn wie auch die Brüsseler Bürokraten darauf zwar missmutig, aber erfreulicherweise noch mit einer gewissen Contenance reagiert. Sie hatten Abhilfe gefordert, aber nichts wirklich Bedrohliches unternommen, so dass die Unseren ihre Reaktionen zwar mit leichtem Unmut, aber doch recht lässig zur Kenntnis nehmen konnten. Jetzt hat ein unerwartet brutaler Ausfall des US-amerikanischen Präsidenten Donald Trump, der den Deutschen einen manipulierten Wechselkurs des EURO und eine Ausbeutung anderer mittels ihres Exportüberschusses vorgeworfen und die Erhebung von Strafzöllen angedroht hat, Öffentlichkeit wie Experten und Politiker mächtig aufgerüttelt – wahrlich ein Anlass, sich mit der Problematik der persistierenden und seit längerem steigenden Exportüberschüsse ernsthaft zu befassen.

Begriff und wirtschaftlicher Charakter

Der Exportüberschuss ist die (positive) Differenz zwischen den Werten aller Exporte und aller Importe an Gütern (Waren und Dienstleistungen) einer Volkswirtschaft1. Den Gesamtwert aller in einer Volkswirtschaft produzierten Endprodukte (Waren und Dienstleistungen) bezeichnet man als das Bruttoinlandsprodukt, abgekürzt BIp. Diese Endprodukte können entweder von den privaten Haushalten oder staatlichen Stellen konsumiert oder aber investiert worden sein. Die Summe aus Konsum- und Investitionsausgaben, die im Inland getätigt worden sind, bezeichnet man als inländische Verwendung des Bruttoinlandsprodukts. Die Differenz zwischen Bruttoinlandsprodukt und inländischer Verwendung ist, wenn positiv, der Exportüberschuss, anderenfalls, wenn negativ, ein Importüberschuss. Der Oberbegriff für beide lautet „Außenbeitrag“. Ein positiver Außenbeitrag bedeutet demgemäß, dass im Inland mehr produziert als verwendet worden ist und die Differenz ans Ausland geliefert wurde. Umgekehrt bedeutet ein negativer Außenbeitrag, oder Importüberschuss, dass im Inland mehr für Konsum und Investitionen verausgabt wurde als der Wert der produzierten Endprodukte beträgt.

Alle diese Größen, BIP, Konsum, Investition und Außenbeitrag, sind nominale Größen. Es sind Summen von Zahlungen in Euro, die ihrerseits Produkte aus gehandelten Mengen und den jeweiligen Preisen sind. Veränderungen in diesen Größen können also auf Mengenänderungen oder auf Preisänderungen oder beides zurückzuführen sein. Die häufig anzutreffende Formulierung „Es wurde wieder mehr exportiert“ ist insoweit ungenau. Korrekt müsste es stattdessen heißen: „Die Summe der Zahlungen für Exporte ist gestiegen“. Alle Werte beziehen sich auf das Inland. Preisänderungen können also durch Änderung der Endabnehmerpreise (bei Exporten) aber auch durch Änderungen des Wechselkurses zustande kommen, wenn die Exporte aus dem EURO-Raum hinausgehen.

Schließlich ist zu beachten, dass diesen wertmäßig erfassten Handelsströmen wertgleiche Finanzierungsströme entgegenfließen: durch einen Export entstehen Forderungen, bei einem Import Verbindlichkeiten gegenüber dem Ausland. Bei einem Außenbeitrag von null gleichen sich diese aus. Bei einem Exportüberschuss verbleibt jedoch ein Forderungssaldo aus laufender Rechnung gegenüber dem Ausland. Dieser kann zum Erwerb von Gold oder Gegenständen des Vermögens wie Immobilien oder Unternehmen herangezogen werden, wodurch er sich entsprechend vermindern würde. Der verbleibende Teil der Forderungen besteht regelmäßig in Devisenreserven der inländischen Zentralbank oder im Besitz von Schuldverschreibungen ausländischer Schuldner, wie zum Beispiel Staatspapieren. So hat China, neben Deutschland und Japan die Volkswirtschaft mit den weltweit höchsten kumulierten Außenbeiträgen, die unglaubliche Summe von 1200 Mrd. $ an US-amerikanischen Staatsanleihen angehäuft.

Das Ausmaß der deutschen Exportüberschüsse

Seit einem viertel Jahrhundert sind die Exportüberschüsse der deutschen Wirtschaft positiv und mit geringfügigen Schwankungen von Jahr zu Jahr gestiegen. Ein Blick auf die Statistik macht deutlich, dass sich der Exportüberschuss, in der Sprache der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung als Außenbeitrag bezeichnet, allein in den letzten zehn Jahren mehr als verdoppelt hat. In den Jahren des EURO, also ab 2002, hat er sich von 96,66 Mrd. auf 241,92 Mrd., also um 145,26 Mrd. Euro bzw. auf das Zweieinhalbfache erhöht. Das entspricht einer durchschnittlichen jährlichen Steigerungsrate von etwa 6,77 v.H., während das Bruttoinlandsprodukt im gleichen Zeitraum nur um durchschnittlich 2,53 v.H. im Jahr zugenommen hat. Die folgende Tabelle zeigt die Entwicklung des deutschen Außenbeitrags seit Einführung des Euro.

Wert des Außenbeitrags2 in Mrd. Euro
1998 2000 2002 2004 2006 2008 2010 2012 2014 2016
26,72 5,69 96,66 114,46 126,75 153,06 134,10 167,99 190,83 241,92

Die absoluten Zahlen des Außenbeitrags geben aber keinen abschließenden Aufschluss über seine gesamtwirtschaftliche Bedeutung. Diese lässt sich besser daran messen, welchen Anteil der Außenbeitrag am Bruttoinlandsprodukts (BIP), also dem Gesamtwert der inländischen Güterproduktion hat. Dieser wird in der folgenden Tabelle ausgewiesen.

Anteil des Außenbeitrags3 am Bruttoinlandsprodukt (BIP) in Prozent
1998 2000 2002 2004 2006 2008 2010 2012 2014 2016
1,32 0,27 4,38 5,04 5,30 5,97 5,20 6,09 6,52 7,72

Bemerkenswert an diesen Zahlen sind

  • das Niveau in den letzten fünfzehn Jahren, das in kaum einem der früheren Jahre jemals erreicht worden ist, und wenn, dann handelte es sich um „Ausreißer“ ohne Fortsetzung

sowie

  • die jährliche Zunahme auf bereits erreichtem hohen Niveau.

Beide Auffälligkeiten bedürfen sowohl einer Erklärung hinsichtlich ihrer Ursachen als auch einer Analyse ihrer Auswirkungen auf die deutsche Binnenwirtschaft und die Volkswirtschaften, mit denen sie durch Ex- und Importe verbunden ist. Über strukturelle Ungleichheiten hinaus kommen als Ursachen in erster Linie die folgenden globalen Entwicklungen in Frage:

  • Schon aus rein buchhalterischen Gründen sind die Wechselkurse zwischen den Währungen des Exportlandes und des Importlandes von Bedeutung für die Höhe des Außenbeitrags. Selbst bei unveränderten realen Handelsströmen und unveränderten Kosten und Preisen sowohl im Inland wie im Ausland würde eine Änderung des Wechselkurses die Höhe des Außenbeitrags verändern. Würde beispielsweise die Währung des Exportlandes aufgewertet, erhielte der Exporteur weniger einheimische Währungseinheiten für den gleichen nominalen Erlös, den er im Ausland in der ausländischen Währung erzielt. Die Ausgaben für die Importe blieben in einheimischer Währung voraussetzungsgemäß unverändert. Der gesunkene Wert des Exports würde daher den einheimischen Außenbeitrag senken.
  • Realistischer weise muss man aber mit Preisreaktionen der Exporteure und Importeure rechnen, deren Ausmaß von der jeweiligen Konkurrenzsituation abhängt. Durch die Aufwertung würde sich der Exporteur, der einen geringeren Erlös in heimischer Währung hinnehmen muss, veranlasst sehen, die Preise im Ausland soweit zu erhöhen, dass seine inländischen Kosten auch bei dem höheren Wechselkurs weiterhin gedeckt werden. Der ausländische Verkäufer der importierten Waren könnte wegen der in seiner Währung gestiegenen Erlöse seine Preise senken, um damit konkurrenzfähiger zu werden. Tendenziell verteuert also eine Aufwertung die Exporte und verbilligt die Importe. Wie sich dies per Saldo auf den Außenbeitrag auswirkt, hängt von den Preisreaktionen der Exporteure resp. Importeure ab sowie davon, in welchem Ausmaß die jeweiligen Abnehmer auf solche Preisveränderungen reagieren. Die übliche Annahme ist, dass Aufwertungen den Außenbeitrag tendenziell senken und Abwertungen ihn erhöhen.
  • Sehr häufig werden Preisdifferenzen zwischen den handeltreibenden Ländern als Gründe für Exportüberschüsse vorgebracht, weil sie als wichtigster Grund für eine unterschiedliche Wettbewerbsfähigkeit angesehen werden, beispielsweise zwischen den EU-Südländern und den EU-Nordländern. Vor allem in politisch orientierten Diskussionen werden diese gerne auf Lohndifferenzen zurückgeführt und daraus dann der Vorwurf abgeleitet, Exportüberschüsse seien in erster Linie auf eine zu zurückhaltende Lohnpolitik zurückzuführen. Das Argument ist zwar grundsätzlich zutreffend, gilt aber meines Erachtens nur beschränkt für die der deutschen Exportüberschüsse, weil deutsche Produkte in vielen Importländern zu den ausgesprochen hochpreisigen Produkten4 zählen.
  • Handelt es sich bei den Importen um Produkte auf frühen Stufen der Wertschöpfungskette, insbesondere Rohstoffe, und stammen zugleich die Exporte vom Ende der Wertschöpfungskette, handelt es sich also um hoch veredelte Endprodukte, so führt dies ebenfalls tendenziell zu Exportüberschüssen.
  • Qualitätsdifferenzen spielen vor allem bei Investitionsgütern und dauerhaften Konsumgütern (Kraftfahrzeuge!) eine große Rolle, Produktgruppen, die für die deutschen Exporte bestimmend sind. Hierbei kommt es nicht nur auf die Leistungsfähigkeit und Verlässlichkeit der Produkte selbst an, sondern auch auf Gewährleistung und after sales service. Von besonderer Bedeutung sind auch Produktinnovationen.
  • Zwischen den Ländern des EURO-Raum kann es ex definitione keine Wechselkursänderungen geben. Die in diesen Ländern tatsächlich bestehenden Export- bzw. Importüberschüsse können daher nur durch den Außenhandel mit Ländern außerhalb des EURO-Raumes entstehen, für die dann alle genannten Ursachen gelten können, oder durch eine Spreizung der wirtschaftlichen Dynamik zwischen diesen Ländern. Es ist genau diese Spreizung, die das zentrale währungspolitische Problem Europas darstellt. Sie ist das Ergebnis fundamentaler Differenzen, insbesondere der Produktionsstruktur sowie der Innovationsfähigkeit und -bereitschaft der Unternehmen, in der Lohn- und Sozialpolitik und in einer produktivitätshemmenden Finanz- und Wirtschaftspolitik, zum Beispiel im Hinblick auf die Anpassungsfähigkeit der Arbeitsmärkte oder die Besteuerung von Unternehmen.

Binnenwirtschaftliche Konsequenzen

Es gibt keine zwingende eindeutige Beziehung zwischen einem Export- bzw. Importüberschuss einer Volkswirtschaft und den Auswirkungen auf Beschäftigung und Wohlfahrt der Bevölkerung. Es ist zwar prima facie plausibel und daher auch allgemeine Übung, im Rahmen globaler „makroökonomischer“ Überlegungen davon auszugehen, dass Exportüberschüsse expansiv auf Beschäftigung und Preisniveau wirken und entsprechend von Importüberschüssen deflationäre Impulse ausgehen. Bei einer detaillierteren Analyse zeigt sich, dass diese Abhängigkeit je nach konjunktureller Lage, Wirtschaftsstruktur und unternehmerischen Reaktionsmustern differenzierter gesehen werden sollte.

So führen (zusätzliche) Exporterlöse nur dann zu einer höheren Beschäftigung von Arbeitskräften und einer besseren Auslastung der vorhandenen Produktionskapazitäten, wenn erstens im Inland freie Produktionskapazitäten verfügbar sind und zweitens die Zunahme der Exporte real, d.h. durch eine zunehmende Menge und nicht ausschließlich durch gestiegene Preise zustande gekommen ist. Eine Aufwertung führt dann zu keinem Beschäftigungseffekt, wenn die Exporteure die gesunkenen Exporterlöse in heimischer Währung hinzunehmen bereit sind, um ihre Wettbewerbsfähigkeit auf ihren ausländischen Absatzmärkten nicht durch Preiserhöhungen zu gefährden. Wenn sie hingegen Produkte exportieren, die nicht mit heimischer Produktion im Exportland konkurrieren, ihre Produkte also das Produktportfolio des Ziellandes ergänzen, sind sie in einer Position, die ihnen erlaubt, die gesunkenen Erlöse durch Preiserhöhungen zu kompensieren. In diesem Fall hängt die Mengenreaktion und damit die Auswirkung auf die inländische Beschäftigung davon ab, ob die ausländische Nachfrage preisinelastisch ist.

Analoge Überlegungen gelten für die Importe.

Ein in der öffentlichen Diskussion weitestgehend vernachlässigter Aspekt der Exportüberschüsse ist die Tatsache, dass sie unter den obwaltenden Umständen verschenkten Wohlstand darstellen. Im Jahr 2016 ist etwa ein Zwölftel des inländischen Produktionswertes ohne realen Gegenwert ans Ausland geflossen. Dafür sind im gleichen Ausmaß Forderungen entstanden, ohne dass transparent wäre, wer konkret die Gläubiger und wer die Schuldner sind. Die Gebietsansässigen auf deutschem Boden, die an der Produktion des BIP als unselbständig Beschäftigte mitgewirkt haben, insbesondere also die »sozialversicherungspflichtig Beschäftigten« zählen sicherlich nicht zu diesen Gläubigern. Gläubiger dürften vor allem Banken, Unternehmen und die Bundesbank sein, letztere mit ihrem »Guthaben« bei der Europäischen Zentralbank5. Dabei handelt es sich auch nicht um Forderungen wie im bürgerlichen Geschäftsverkehr, die so ohne weiteres zur Begleichung eingefordert werden könnten. Sie können allerdings dazu verwendet werden, Importüberschüsse zu finanzieren: Sie werden durch Importüberschüsse in derselben Weise abgebaut wie sie durch Exportüberschüsse aufgebaut worden sind.

Schließlich erhöhen Exportüberschüsse auch die Abhängigkeit der heimischen Wirtschaft von den internationalen Entwicklungen. Dies ist gleichbedeutend mit einer Senkung des Autarkiegrades, und zwar nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch. Je höher der Anteil des Außenbeitrags an der inländischen Produktion ist, umso stärker beflügeln begünstigende wirtschaftliche Entwicklungen die eigene Lage. So hat über eine Reihe von Jahren das Wirtschaftswachstum in China erfreulich zur Beschäftigungslage in Deutschland beigetragen. Die Intensität der Abhängigkeit zeigt sich freilich ebenso bei gegenläufigen Entwicklungen, wie der massive Einbruch des BIP um 4 vom Hundert im Jahr 2009 deutlich gemacht hat.

Internationale Konsequenzen

Weil die Exportüberschüsse zugleich Importüberschüsse bei den Handelspartnern und weil die Schulden des einen die Forderungen des anderen sind, führen dauerhafte Abweichungen von einem Handelsbilanzausgleich zu einem kumulativen internationalen Ungleichgewicht6, das insbesondere von den Schuldnerländern auf Dauer nicht hingenommen werden kann. Staaten mit dauerhaften Handelsbilanzdefiziten, etwa gerade auch Schwellenländer, versuchen gerne, solche Situationen durch eine Abwertung ihrer Währung zu entkommen. Abwertungen waren aber auch ein gerne eingesetztes wirtschaftspolitisches Instrument für Staaten, deren internationale Verschuldung durch die gewohnheitsmäßige Kreditfinanzierung ihrer staatlichen Budgetdefizite zustande gekommen ist. Neben diesem quasi defensiven Einsatz von Abwertungen gibt es aber auch eine aggressive Form der Abwertungspolitik – die Übergänge sind fließend – deren Ziel die Abwerbung von Beschäftigungsmöglichkeiten ist. Sie wird als beggar my neighbour Politik bezeichnet. Im Extrem kann es zu regelrechten Währungskriegen kommen7. Die seit Jahren andauernden diplomatischen Auseinandersetzungen zwischen den USA und China über die chinesische Wechselkurspolitik lassen sich als eine weiche Form eines solchen Währungskrieges interpretieren.

Wirtschaftspolitische Schlussfolgerungen

Die Bundesminister der ersten GroKo Plisch und Plum haben in § 1 des am 8. Juni 1967(!) in Rechtskraft getretenen „Gesetz zur Förderung der Stabilität und des Wachstums der Wirtschaft (StabG)“ als wirtschaftspolitische Staatsziele festschreiben lassen:

Bund und Länder haben bei ihren wirtschafts- und finanzpolitischen Maßnahmen die Erfordernisse des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts zu beachten. Die Maßnahmen sind so zu treffen, dass sie im Rahmen der marktwirtschaftlichen Ordnung gleichzeitig zur Stabilität des Preisniveaus, zu einem hohen Beschäftigungsstand und außenwirtschaftlichem Gleichgewicht bei stetigem und angemessenem Wirtschaftswachstum beitragen.

Karl Schiller (alias Plisch) für Wirtschaft und Franz Josef Strauß (alias Plum) für Finanzen bilden das wohl zweitbeste Gespann von Bundesministern, die jemals für die wirtschaftliche Entwicklung der Bundesrepublik Deutschland Verantwortung getragen haben. Während Fritz Schäffer (für Finanzen) und Ludwig Erhard (für Wirtschaft) für die Überwindung der kriegsbedingten Schäden sorgten und die bis heute gültigen Grundlagen für den wirtschaftlichen Wiederaufstieg und den bleibenden wirtschaftlichen Status der Bunderepublik schufen, haben sich Schiller und Strauß darum bemüht, die im Zuge der Normalisierung wieder auftretenden Störungen der wirtschaftlichen Entwicklung durch neue Instrumentarien zu bekämpfen. Wie man weiß, ohne dauerhaften Erfolg.

Vor einem halben Jahrhundert standen den wirtschaftspolitischen Entscheidungsträgern zwei Instrumente zur Verfügung, die Geldpolitik der seinerzeit noch autonomen Deutschen Bundesbank und der Wechselkurs in der Disposition von Bunderegierung und Bundesbank. Beides ist heute Geschichte. Die Geldpolitik und die Währungspolitik werden heute von der Europäischen Zentralbank EZB unter Leitung des früheren italienischen Zentralbankers und Goldman-Sachs Managers Mario Draghi gemacht, ohne dass Deutschland darauf irgendeinen messbaren Einfluss hätte. Dank einer genialen diplomatischen Leistung der Regierung hat Deutschland im entscheidungsbefugten Zentralbankrat der EZB genau 1 Stimme von 18 und muss darüber hinaus auch noch im monatlichen Rhythmus mit den Ländern Frankreich, Italien, Spanien und Holland rotieren. Jede Maßnahme der EZB wirkt sich auf alle EURO-Ländern mit zwar unterschiedlicher Intensität, aber doch in gleicher Richtung aus.

Zum Abbau der Differenzen in den Leistungsbilanzen der EURO-Länder wären jedoch gegenläufig wirkende Maßnahmen erforderlich. Hierfür kommen jedoch nur solche Maßnahmen infrage, die noch in der Kompetenz der einzelnen Länder liegen, wie beispielsweise die Lohnpolitik. Dies ist Griechenland im Zuge seiner Verhandlungen um Stützungskredite zum Verhängnis geworden. Andererseits ist nicht ersichtlich, wie die Bundesregierung angesichts der Rechtslage in Deutschland mit Tarifautonomie der Tarifvertragsparteien eigenmächtig das deutsche Lohnniveau erhöhen könnte. Vielleicht würde es helfen, wenn sich in der Öffentlichkeit wenigstens ein Bewusstsein dafür wecken ließe, dass unsere sozialversichert Beschäftigten nahezu einen Monat im Jahr gemessen an ihrer Produktivität faktisch für lau arbeiten und deshalb größere Lohnanhebungen ausgehend von der Exportindustrie in der heutigen Wirtschaftslage mehr als angemessen wären.


  1. Die Größen der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung, wie BIP, Export oder Import, beziehen sich auf die geografische Region der Volkswirtschaft. Die Menschen, die das BIP erarbeiten, sind die „Gebietsansässigen“ unabhängig von ihrer Staatsbürgerschaft, und nicht die „Inländer“. Während man bei der Ermittlung des BIP dem „Inlandskonzept“ folgt, entspricht das Bruttosozialprodukt (BSP) dem „Inländerkonzept“. Beide unterscheiden sich durch die Leistungseinkommen der Inländer im Ausland und die inländischen Leistungseinkommen von Ausländern.
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  2. Quelle: Statistisches Bundesamt. VGR des Bundes. Tabelle 81000-0019. Abzurufen über URL: https://www-genesis.destatis/genesis/online/data.
    Die Zahlen am aktuellen Berichtsrand sind vorläufiger Natur und können im Rahmen der jährlichen Berichterstattung – insbesondere bei den den Außenhandel betreffenden Zahlen – merkliche Revisionen aufweisen. In der Öffentlichkeit kursieren je nach Quelle und Medium unterschiedliche Zahlen. Dies sollte in erster Linie darauf zurückzuführen sein, dass den jeweiligen Angaben unterschiedliche statistische Konzepte bzw. Erhebungswege zugrunde liegen.
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  3. Siehe Fußnote 2.
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  4. Die Begeisterung ökonomischer Lehrbuchexperten für Preiswettbewerb wird so von Managern und Unternehmern nicht geteilt. Insbesondere, wenn sie über objektivierbare oder durch Vertriebsförderungsmaßnahmen künstlich herbeigeführte Alleinstellungsmarkmale verfügen, verzichten sie tunlichst auf jedes Preiszugeständnis. „Einen Mercedes verkauft man nicht über den Preis!“ Liefern die Unternehmen aber leicht austauschbare Massenartikel, sind sie nahezu gezwungen, sich einem Preiswettbewerb zu stellen – wenn sie ihn nicht sogar gezielt selbst herbeiführen. Preiswettbewerb kann auch in oligopolitischen Märkten mit dem Ziel, die Konkurrenten zu verdrängen, zum Einsatz kommen.
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  5. Die Guthaben der Deutschen Bundesbank bei der Europäischen Zentralbank, die Target-2 Salden, belaufen sich derzeit auf knapp unter 800 Mrd. EURO. Dieser Betrag dürfte aber zu einem erheblichen Teil durch Wertpapiertransaktionen im Rahmen des Programms der EZB über Käufe von Staatsanleihen, das »public sector purchase programme (PSPP)« zustande gekommen sein. In diesem Umfang können diese Forderungen nicht als »durch Exportüberschüsse verschenkt« klassifiziert werden. Wie bei allen Forderungen ist derzeit nicht abzusehen, welche Beträge bei Fälligkeit tatsächlich rückgezahlt werden. .
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  6. Diese Ungleichgewichte können auch durch autonome Kapitalströme verursacht werden, denen keine realwirtschaftlichen Handelsströme zugrunde liegen. Solche autonomen Kapitalströme kommen durch grenzüberschreitende Finanztransaktionen wie etwa die Aufnahme von Krediten, den Handel mit Wertpapieren oder währungspolitische Transaktionen nationaler Zentralbanken zustande. Von einer expliziten Behandlung der dadurch ausgelösten Probleme wird in diesem Beitrag abgesehen.
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  7. James Rickards: Currency Wars. Portfolio/Penguin, New York 2011.
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