Mutmaßungen zum »Fall Özil« War es nicht doch eine Polit-Intrige?


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Erhebliche kontroverse öffentliche Reaktionen hat im Inland wie im Ausland eine Aktion des Fußballspielers Mehmet Özil ausgelöst. Er hat am 22. Juli mit drei in England auf Englisch verfassten Mitteilungen per Twitter seinen Rücktritt aus der „Mannschaft“ erklärt und dies mit einem Rundumschlag an massiven Vorwürfen begründet. Dabei stellt sich Özil als das Opfer persönlicher Verleumdungen und Beleidigungen und als Prügelknabe für die vergeigte Teilnahme an der Fußball-Weltmeisterschaft dar. Zugleich bestreitet er vehement, dass sein Vorgehen politisch motiviert sei. Kurz; Er präsentiert sich – in der Sprache linker Gesellschaftskritik formuliert – als naiver apolitischer Fachidiot.

Die wahre tieferliegende Ursache für alle alle Angriffe auf ihn, behauptet Öril, sei der auf die Zeit des Nationalsozialismus zurückgehende grassierende typisch deutsche Rassismus, der sich wegen seiner türkischen Wurzeln gegen ihn richte. Die Frage ist, kann man sich mit dieser gleichermaßen von Selbstmitleid triefenden wie ausgesprochen rassistisch-aggressiven Selbstdarstellung zufrieden geben? Oder muss man nicht vielmehr angesichts der Tatsache, dass Özils Verhalten von der Verweigerung des Mitsingens der Nationalhymne über die Gruppenfotos mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan bis hin zum dem Dreifachtweet erheblich zur Spaltung der Gesellschaft beiträgt, nicht doch befürchten, dass wesentlich mehr hinter diesem Vorgang steckt?

Es steckt!

Ausgesprochen unglaubwürdig wäre eine Deutung des 22. Juli, Özil habe sich nach langen Wochen des verinnerlichten Leidens endlich einmal zur psychischen Entlastung Luft machen wollen und sich in einer einsamen Entscheidung zu einem Vorgehen entschlossen, das einerseits seine Betroffenheit eindrücklich vermittelt, ihn aber andererseits vor einer direkten persönlichen Konfrontation mit allzu intensiv nachbohrenden Journalisten bewahrt. Kein international erfolgreichen Spitzenprofi welcher Profession auch immer, dessen Wochenlohn das Jahreseinkommen so manchen Geschäftsführers eines international erfolgreichen Mittelständlers übersteigt, würde sich zu einem ziellosen psychischen Ausbruch hinreißen lassen, zumal wenn er, wie alle Vertreter seiner Kategorie, von einm Clan hilfreicher bis parasitärer Berater umgeben ist, die jeden seiner Schritte begleiten, ob sie von ihm angefordert wurden, gerade eben hingenommen werden oder gar nur erduldet sind.

Weitaus plausibler ist, weder die Gesangsverweigerung noch die Gruppenbilder noch die getwitterten Tweets als persönlich motivierte und entschiedene Individualhandlungen zu verstehen. Sie stellen sich vielmehr als gezielte kollektive Akte dar – mit Özil als Präsentator auf der Bühne. Dafür spricht schon seine eigene Argumentation, die aufweist, wie intensiv er sich mit seinen lebenden Verwandten und seinen Vorfahren in der Türkei verbunden fühlt. Diese Beziehung macht nicht den Eindruck als sei sie pure Ahnenforschung oder kulturell-landmannschaftlicher Natur, wie man dies in dem USA vielfach findet. Als Beispiel sei auf Steuben-Parade verwiesen. Özils Beschreibung lässt eher an die Charakterisierung eines – seines – Clans denken, der zwar in der Diaspora aktiv ist, aber seine Wurzeln zu seinem geographischen Ursprung nicht verleugnet.

Für ein kollektives Vorgehen spricht weiter, dass das diesjährige Gruppenbild gemeinsam mit Gündogan nicht das erste derartige Gruppenbild war. Bereits in den Vorjahren hatte es, weitgehend unbemerkt, vier Mal Treffen Özils mit dem türkischen Präsidenten Erdogan gegeben. Nichts deutet darauf hin, dass alle diese Treffen mal ebenso passiert wären, wie man halt in der Kleinstadt einen Lokalpolitiker mal eben beim Wochenendeinkauf auf dem Wochenmarkt begegnen kann. Treffen mit einem Staatschef werden von seinem Protokoll genauestans vorbeitet und betreut, und zwar grundsätzlich immer, aber vor allem dann, wenn wegen Terror- und Putschgefahr ein Ausnamezustand inkraft ist. Man darf deshalb als sicher annehmen, dass alle diese Treffen in intensiven Gesprächen zwischen dem Protokoll Erdogans und den Beratern Özils vorbereitet worden sind. Demzufolge wird auch Özils Vorgehen am 22. Juli nicht ohne Rückendeckung vonstatten gegangen sein.

Wenn Özils Vorgehen am 22. Juli aber keine kathartisch motivierte Individualhandlung war, sondern eine abgestimmte Aktion, dann war es eine politische Aktion, die auf einer Linie mit dem alles auslösenden „Gruppenbild mit Präsident“ liegt. Dabei ist es irrelevant, ob Özil (und andere) dabei bewußt als aktive Mitwirkende aufgetreten sind oder nur etwas für ihr Selbstbewußtsein oder ihre Prominenz oder ihren Marktwert zu tun gedachten. Von Seiten des Präsidenten war es in jedem Falle ein bewußt inszenierter politischer Akt. Für ihn waren und sind die prominenten Sportler geschickt genutzte naive Mitläufer in einem weitaus größeren Spiel.

Die Herrschenden aller Regime, seien sie demokratisch oder autoritär, pflegen sich eifrigst um die Gunst populärer prominenter Künstler und Sportler in der stillen Hoffnung zu bemühen, dass deren Beliebheit auf sie abfärben möge. Wahre Meister auf diesem Gebiet waren die Kennedys oder Obama, und, nicht zu vergessen, die Nationalsozialisten, bei deren sportlichen oder künstlerischen Lieblingen im Zuge der Entnazifierung und anschließenden historischen Aufarbeitung zumeist nicht abschließend zu klären war, inwieweit sie Gesinnungstäter oder einfach nur ums Überleben ringende Bürger waren. Auch Mutti hat bei ihrem degoutanten Auftreten in der Kabine der deutschen Weltmeisterequippe die Halbnackten nicht etwa aus genuinem Interesse an der Sportart Fußball oder gar der erotischen Attraktivität der Mannen der Mennschaft wegen aufgesucht. Es war für sie ein purer PR-Akt politischer Propaganda. Ebendies wird man auch Erdogan bei seinen Gruppenbildern unterstellen dürfen. Mit Sicherheit wird es bei ihm aber nicht nur um pure Public Relations gegangen sein.

So wichtig es für die Analyse (und eine Entscheidung über Gegenreaktionen) wäre, die wahren Motive zu kennen, die die Akteure zu ihren Handlungen getrieben haben, man kennt sie in der Regel aus mannigfachen Gründen nicht und kann deshalb allenfalls intelligente Vermutungen darüber anstellen. In erster Annäherung reicht es, aus den Wirkungen auf die Ursachen zurück zu schließen, womit man allerdings zuweilen, wenn auch nicht sehr häufig, auch daneben liegen kann. Wir verdanken diesen Ansatz nicht zuletzt dem Christentum, nämlich dem Apostel Matthäus, der in Kapitel 7 Vers 16 seines Evangeliums Jesus die Worte in den Mund legt: „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen“.

Das Ergebnis ist eindeutig: Eine Verschärfung der Spaltung unserer Gesellschaft. Es liegt damit auf der Linie der politischen Kräfte, die eine Selbstauflösung der deutschen politischen Identität und der deutschen natioanlen Staatlichkeit betreiben. Es liegt damit wohl auch auf der Linie der nationalen osmanischen geopolitischen Strategie des türkischen Präsidenten Erdogan. Man wird aber nicht prima facie unterstellen dürfen, dass diese Konsequenzen in der Absicht Özils gelegen hätten.

Özil hat freilich durch sein Verhalten auche dazu beigetragen, Argwohn zu wecken. Das Mitsingen der Nationakhymne bei Spielen der Nationalmannschaften zu verweigern, ist nicht weiter auffällig. Die Begründung, man habe statt dessen gebetet, aber schon. Minimale religiöse Handlungen bei Fußballspielen sieht man hin und wieder und sind nicht auffällig, wären es während des Erklingens der Nationalhymnen aber schon – sie würden als Verletzung der Nationalehre und des Nationalstolzes verstanden. Mit welcher Reaktion durfte mn wohl rechnen, wenn ein nichttürkischer Spieler bei der türkischen Nationalhymne geistige Abwesenheit erkennen ließe und dies in der späeteren Pressekonferenz damit erklären würde, er habe die Zeit für mehrere Vater-Unser genutzt. So mancher Türke würde dies als einen bewußt gesetzten provokativen Akt verstehen.

Wenig Verständnis zeigt Özil für die besondere herausgehobene Position, aus der heraus er agiert, wenn er sich darüber beschwert, andere Fußballspieler seien für Fotos mit anderen Staatsoberhäußtern nicht kritisiert worden. Es ist eben eines, wenn ein in San Marino gebürtiger Schiläuferm austrifiziert in der österreichischen Mannschaft an einer Weltmeisterschaft teilnehmend sich mit dem Präsidenten Österreichs fotografieren lässt. Es gibt keine Probleme zwischen San Marino und Österreich. Es ist aber etwas ganz anderes, wenn sich ein deutscher Staatsbürger gleich welcher Herkunft voller Stolz mit dem Präsidenten eines Landes ablichten lässt, der keine Gelegenheit auslässt, gegen Deutschland zu hetzen. Man kann das tun, darf sich dann aber nicht über die Reaktionen derjenigen beschweren, die sich dadurch beleidigt fühlen. Prinz Harry konnte gerade eben noch in Nazi-Uniform auf einem Maskenball erscheinen. Was aber würde es bedeuten, wenn dies der deutsche Botschafter in London täte?!

Aber vielleicht hat sich Özil ja auch nur an das Auftreten Merkels auf der Pressekonferenz nach der gewonnen Bundestagswahl erinnert, als sie missmutig die ihr von Gröhe überreichte Nationalflagge entsorgte.

Alles das rechtfertige nach den Termini des »Fragebogens«, mit dessen Hilfe die US-Militärregierung seinerzeit die gesamte deutsche Bevölkerung hinsichtlich ihrer nationalsozialistischen Grundeinstellung zu erfassen gedachte, allenfalls eine Klassifizierung als „Mitläufer“, wenn man diese in analogiam auf die Osmanisierung der türkisch-stämmigen Deutschen anwenden wollte. Und das war de facto so gut wie ein Freispruch.

Erdogan dagegen, und vermutlich viele seiner nicht als solche bekannte Mitstreiter. müssen als hauptverantwortlich einegstuft werden. Es geht ihnen nicht nur, wie weiter oben angedeutet, um eine nette PR-Schau, sondern vielmehr darum, auf jede nur erdenkliche Weise die türkisch-stämmigen Mitglieder unserer Gesellschaft an ihre völkische Herkunft aus der Türkei zu binden. Seine intensiven Bemühungen und die seiner Minister, als türkischer Politiker auf deutschem Boden aufzutreten, läuft darauf hinaus, auf deutschem Staatsgebiet einen islamisch-osmanischen Brückenkopf zu errichten und zu unterhalten. Es liegt auf der Hand, dass kein Staat sich eine solche destabilisierende Intervention in seine inneren Angelegenheiten bieten lassen kann. Es liegt ebenso auf der Hand, dass, sofern diese Machenschaften nicht mit aller Macht zurückgewiesen werden, künftig dauerhafte ethnische wie religiöse Konflikte unausweichlich werden.

Özil als Person spielt in diesem Zusammenhang (derzeit) keine Rolle. Man muss ihn dieserhalb nicht bedauern, denn, wie schon Kanzler Kohl in Bezug auf sich selbst bemerkte, er habe sich alles selbst so ausgesucht. Es gibt keinen Fall »Özil«. Aber der »Fall Özil« ist äußerst bedeutend: Er wirft ein erhellendes Schlaglicht auf eine Entwicklung, die die Zukunft Deutschlands und – daran hängend – Europas ganz wesentlich gestalten wird und der dennoch die deutsche Gesellschaft und die deutsche Politik derzeit mit erstaunlicher Nonchalance, ja, Négligence gegenüber steht.