„C’est pire qu’un crime,

c’est une faute“1 kommentierte Antoine Claude Joseph BOULAY de la MEURTHE, Staatsrat und loyaler Anhänger des Ersten Konsuls der Französischen Republik, Napoléon Bonaparte, dessen Vorgehen gegen den Herzog d’Enghien. Diesen hatte er aus Deutschland entführen und nach einem Schauprozess erschießen lassen. Trotz eines politisch-moralischen Aufschreis im weiterhin aristokratischen Ausland hat der Mord Napoléon auf Dauer nicht geschadet. Innenpolitisch hat es ihm eher genützt, weil es den Versuchen, Attentate gegen ihn anzuzetteln, offensichtlich ein Ende setzte.

An diesen Vorfall erinnert die augenscheinliche Ermordung des saudischen Journalisten Jamal Khashoggi im saudi-arabischen Generalkonsulat in Istanbul. Was dort de facto passiert ist, wird man wohl nie erfahren. Immerhin ist es kaum denkbar, dass in einer diplomatischen Vertretung ein Tötungsdelikt verübt wird, das, wenn es sich um ein klassisches Verbrechen hendelte, nicht sofort den zuständigen Behörden des gastgebenden Landes offenbart worden wäre. Ebenso wenig ist vorstellbar, dass in einem Konsulat ein gezielter politischer Mord ohne vorherige hochrangige Kenntnis oder gar Zustimmung des entsendenden Staates verübt werden könnte.

Die internationalen Reaktionen erfolgten nach bewährtem Muster, wenngleich durchaus differenziert. Während die moralgesättigte Berliner Athmosphäre den Waffenexport „bis zur endgültigen Aufklärung“ aussetzen will, haben Frankreich und Spanien nüchtern reagiert: Der Waffenexport wird ohne jede Modifikation fortgesetzt. Ansonsten folgt der Ablauf den verlogenen diplomatischen Gepflogenheiten: erstens Empörung, zweitens irgendeine ebenso spektakuläre wie unerhebliche Maßnahme (hier die Absage einer Teilnahme an der Konferenz »Future Investment Initiative« in Riad), drittens Fortsetzung der Beziehungen auf clandestinen Kanälen vorzugsweise der Arbeitsebene oder über vermeintlich unbeteiligte Drittstaaten und viertens, nachdem das öffentliche Interesse sich anderen Aufregern zugewandt hat, die Weiterführung des businness as usual.

Was also solls? Politische Morde, „Kommandoaktionen“, hat es immer gegeben. Man denke nur an die spektakuläre Ermordung Osama Bin Ladens, angeordnet vom Träger des Friedensnobelpreises Barack Obama. Immer wenn ein Mensch gezielt zu Tode gebracht wird ist dies ethisch verwerflich oder doch wenigstens bedenklich. So auch in diesem Fall. Allerdings wird man auch diesem Mann kaum besondere Empathie entgegen bringen können, wenn man sein bisheriges politisches Bekenntnis und Wirken betrachtet2.

Unter diesen Umständen relativiert sich auch der Aufschrei der journalistischen Bruderschaft. Es gibt so manchen Journalisten, der der Versuchung nicht zu widerstehen vermg, sich in die politische Entwicklung einzuhaken statt nur darüber zu berichten. Das geht von mehr oder weniger ausgeprägter propagandistischer Unterstützung bis hin zu konspirativen Akten, die sich naturgemäß unter einem journalistischen Deckmantel und dessen juristischer Privilegierung besonders geschickt verstecken lassen. Man wird nicht immer klären können, ob jemand ein Journalist ist, der es einfach nicht lassen konnte, oder doch ein Agent, der sich des jouralistischen Feigenblattes bedient hat.


  1. „Das ist schlimmer als ein Verbrechen, es ist ein Fehler.“
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  2. Thomas Eppinger: Wer war Jamal Khashoggi und warum wurde er ermordet? Originalbeitrag auf „mena-watch.com“, wiedergegeben auf „www.achgut.com“.
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