Meine Motivation

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Anlass zu diesem Blog ist meine langsam zur Überzeugung reifende Vermutung, dass wir – aus der Vogelperspektive gesehen – Zeitgenossen eines grundlegenden Strukturbruchs in der gesellschaftlichen Evolution der Menschheit sind und zeitgleich – in einer bundesrepublikanischen Froschperspektive – den Verlust der Gewissheiten erleben, die die Periode der fünfzig Jahre nach dem Ende des zweiten Weltkriegs geprägt haben: gesellschaftliche Stabilität, ein recht ordentlich funktionierendes demokratisches Regierungssystem, wachsender Wohlstand, soziale Sicherheit. Es galt cum grano salis und im Durchschnitt das Motto einer Broschüre1 aus dem Jahre 1954: „Sind wir auf dem richtigen Wege?“ Ja, wir waren es. Jedenfalls in der „alten“, der ursprünglichen Bundesrepublik Deutschland und ihren westlich orientierten Nachbarstaaten.

Als Angehöriger einer Vorkriegsgeneration habe ich den schrittweisen Wiederaufbau einer deutschen Demokratie und einer effizienten Volkswirtschaft miterlebt. Es war ein mühevoller Weg in kleinen Schritten. Er wurde von kleinen bescheidenen Hoffnungen getragen, sich Schritt um Schritt aus der verzweifelten wirtschaftlichen und seelische-geistigen Katastrophe herauszuarbeiten. Und dies war – Stand 1991 – auch alles in allem in etwa gelungen. Und wurde seitdem durch Hybris durchgängig gefährdet und zum Teil schon wieder verspielt. Wenn ich heute die Frage aus dem Jahre 1954 mit aktuellem Bezug erneut beantworten wollte: Nein, wir sind nicht mehr auf dem richtigen Weg. Ganz im Gegenteil.

Bei allen politischen Kontroversen (etwa über Wirtschaftsordnung, Westanbindung, Wiederbewaffnung, Ostverträge, Europäische Integration, Nachrüstungsbeschluss) die teilweise in sehr hartem Stil ausgetragen wurden, gab es in der westlichen Welt einen mit Ausnahme der Kommunisten alle Parteien umfassenden Grundkonsens. Dieser scheint mir gebrochen. Die seinerzeitigen Kontroversen über die bessere Lösung, den zweckmäßigeren Weg, sind durch eine nahezu religiöse Gesinnungsdiskussion abgelöst worden: die lichten Staaten einerseits gegen die „Schurkenstaaten“ andererseits, „wir“ als Teil der westlichen „Wertegemeinschaft“ versus die undemokratischen Diktaturen (mit denen wir dennoch je nach Not- und Zweckmäßigkeit kohabitieren), neoreligiöse Dominanz der Rechtgläubigen versus ungläubige populistische oder säkulare Ketzer. In dieser Auseinandersetzung droht ein zentrales Erbe der abendländischen Geschichte verloren zu gehen, die Aufklärung als methodisch-funktionales Fundament einer säkularen Staatsverfassung befriedeter Gesellschaften.

In dieser Auseinandersetzung, und diese ist mehr als eine sprachlich elegante Diskussion unter bloggenden Intellektuellen, kommt man nicht umhin, Stellung zu beziehen. »So sehe ich es« bezieht Stellung.


  1. Richard Poegel: Sind wir auf dem richtigen Weg?. Frankfurt: Lutzeyer Verlag, 1954.
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