Wie redet der nur


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Empfindsame Sprachästheten, ausgebuffte Rhetoriker, Kabarettisten und Politiker aller Couleur, darunter auch solche, die in dieser Disziplin erkennbar unbegabt sind, haben sich das Maul zerrissen über die plumpe, ordinäre, grobe, brutale, kurz: ausgesprochen ungebildete Sprache des nunmehrigen 45ten Präsidenten der Vereinigten Staaten, Donald Trump. Was Wunder, wenn er nicht auch seine journalistischen Nachtreter gefunden hätte, wie weiland schon Altbundeskanzler Konrad Adenauer, dessen Weinheimer Wahlrede im Jahr 1957 vom Spiegel ebenso genüsslich wie zynisch zerrissen worden war, was aber – nebenbei bemerkt – seinen Wahlsieg nicht so recht geschmälert hat. Bekanntlich gewann Adenauer nach einem Wahlkampf, dessen brutale Ästhetik dem gerade abgelaufenen US-amerikanischen durchaus nicht unähnlich war, mit dem ausgesprochen anti-populistischen und in seiner Komplexität jede Vereinfachung scheuenden Schlachtruf „Keine Experimente“ zum ersten und einzigen Mal eine Ein-Parteien-Majorität1 der Stimmen und damit auch der Sitze im Bundestag.

Über die plumpe Aversion gegen die politischen Vorstellungen von Trump hinaus, die sich in primitiver Weise an seinem Sprachstil festmacht und sich so detaillierte Sachargumentationen schenkt, können die primitive Wortwahl und die zerhackte Syntax der Trumpschen Kundgebungen, zumal wegen des bevorzugten Twitterkurzhacks, schon zu nachdenklichen Überlegungen Anlass geben, wenn man bedenkt, wie eng die Verknüpfung von Sprache und Denken ist. Doch gibt es hiervon nennenswerte Ausnahmen, Denker, die ihre präzise Gedankenführung nicht in einer einrfachen klaren zielführenden Weise zum Ausdruck bringen können oder first-generation-entrepreneurs, die nicht einer Efeu-Liga-Universität entstammen und sich auch noch nicht dem Stil smarter Manager angepasst haben, die ihren modischen Schick durch das Tragen eines edlen klassischen Blazers zu einer Levys zum Ausdruck bringen. Die Klassifikation als first-generation-entrepreneur ohne Exzellenz in Höherer Bildung trifft auf Trump wohl zu. Aber: So wie man neidlos akzeptieren muss, dass es so mancher egozentrische Hohlkopf bis in die Spitzen der Politik schafft, muss man auch anerkennen, dass eine nicht unerhebliche Anzahl erfolgreicher Unternehmer ihre Leistung und ihre Marktposition nicht auf einen außergewöhnlichen IQ zurückführen können. Inzwischen erhebt sich die eine oder andere Stimme, die davon ausgeht, dass Trump seinen Wahlerfolg nicht trotz seiner Sprache, sondern wegen oder doch wenigstens unter Mithilfe seiner Sprache2,3 erzielt hat. Der Sprachstil eines Menschen ist nicht nur Ausdruck seiner Persönlichkeit, sondern wird auch durch soziale Faktoren geprägt. Sprache ist vielfach auch ein Kennzeichen sozialer Zugehörigkeit, und das nicht nur bei berufsbezogenen Spezialsprachen. Wer die USA „grassroot“ erfahren hat, durch das Land getrampt ist oder mit dem Greyhound durchfahren hat, hat auch die Erfahrung machen dürfen, dass aller (mehr oder weniger vermeintlichen) Integration zum Trotz viele „Afroamerikaner“ ihre eigene ganz spezifische Intonation des Amerikanischen pflegen. So wie Trump spricht man auch als blue collar worker, am Bau, und aus dem Baugewerbe kommt Trump schließlich. Ganz sicherlich hat ihm sein Sprachstil geholfen, dass er nicht nur von seinen Arbeitern als einer der ihnen Zugehörigen angesehen oder gar verstanden worden ist. Einer, der so redet wie sie, und nicht so wie die geschniegelte Clinton mit ihrer gewählten Wortwahl und der korrekten Grammatik. Natürlich erklärt dies nicht alles, aber seine Art und sein Sprachstil dürften in dieser historischen „prärevolutionären“ Situation das ihre zum Erfolg Trumps beigetragen haben, ob es nun unseren pseudointellektuellen oberlehrerhaften Besserwissern passt oder nicht.


  1. CDU und CSU wegen ihrer Fraktionsgemeinschaft als eine Partei gesehen.
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  2. Susanne Wehling: „Seine einfache Sprache ist sehr wirksam“. Interview mit Matthias Knecht. NZZ vom 2016-11-27.
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  3. Ursula Scheer: „Er steht für Politik in einfacher Sprache“. FAZ vom 2017-01-20.
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