Vorsicht: Meinungsumfrage!

Meinungsumfragen sind ein unverzichtbares Instrument für die Politiker aller Parteien, um sich über die Stimmung ihrer Wähler und die Akzeptanz und Popularität ihrer Maßnahmen und Vorschläge zu unterrichten. Sie haben sich darüber hinaus zu einem bevorzugten Mittel der politischen Indoktrination breiter Bevölkerungsschichten gemausert. Es ist daher mehr als angebracht, sich kritisch mit ihnen auseinander zu setzen.

Meinungsumfragen, die Befragung der Bevölkerung mittels Stichproben, sind seit langem ein bevorzugtes und inzwischen unverzichtbares Instrument für die Politiker aller Parteien geworden, um sich über die Stimmung ihrer Wähler und die Akzeptanz und Popularität ihrer Maßnahmen und Vorschläge zu unterrichten. Wahlbarometer sind zum festen Bestandteil der täglichen Berichterstattung geworden und die Sonntagsfrage hat das Wort zum Sonntag erfolgreich aus dem Repertoire der Fernsehsender verdrängt. Den Printmedien dienen sie mit jedem beliebigen Thema als gerne benutzter Stehsatz zur abwechslungsreichen Gestaltung ihrer ehemaligen Bleiwüsten. Inzwischen haben sie sich aber, wohl auch dank ihrer weitreichenden Verbreitung, zu einem bevorzugten Mittel der politischen Indoktrination breiter Leserschichten gemausert. Es ist daher mehr als angebracht, sich kritisch mit ihnen auseinander zu setzen.

Dabei sind zwei verschiedene Aspekte zu untersuchen, die Stichprobenmethodik und die Umfragesemantik. Eine korrekte Stichprobenmethodik ist die unverzichtbare Voraussetzung dafür, dass man überhaupt von der Stichprobe auf die Grundgesamtheit rückschließen kann. Anderenfalls sind die Auswertungen nichts weiter als Kaffeesatzlesen. Fast wichtiger noch ist eine adäquate Stichprobensemantik, also die Feststellung, was wirklich erfragt wird und ob die Schlussfolgerungen aus der Stichprobenerhebung sachlich korrekt sind. Bei technischen oder naturwissenschaftlichen Stichprobenerhebungen hat man in dieser Hinsicht zumeist keine großen Probleme; die untersuchten Merkmale, etwa die Erfüllung einer technischen Norm, sind hinreichend genau zu beschreiben. Doch schon im Bereich der Medizin, etwa bei der Untersuchung der Wirksamkeit oder Unbedenklichkeit von Arzneimitteln oder der Wirksamkeit von Ernährungsdiäten, läuft man leicht Gefahr, nicht das zu ermitteln, was eigentlich ermittelt werden sollte. Die Untersuchung mentaler und sozialer Fragestellungen ist vollends für Miss-Interpretationen und Scheinergebnisse anfällig.

Betrachten wir hierzu folgendes Beispiel. Im Auftrag des WDR hat infratest dimap eine Studie zur „Glaubwürdigkeit der Medien“ durchgeführt1,2. Im Rahmen dieser Studie wurde auch die Bedeutung der Vokabel „Lügenpresse“ getestet. Der Vorwurf „Lügenpresse“ ist in der Öffentlichkeit ausschließlich im Zusammenhang mit der politischen Berichterstattung verwendet worden. Ein Ergebnis der Frage zu „Lügenpresse“ ist in der folgenden Grafik festgehalten.

Die in der zugehörigen Presserklärung gegebene Interpretation lautet: „Dezidiert von »Lügenpresse« sprechen würden nach wie vor lediglich 20 Prozent der Bundesbürger, wenn sie an Zeitungen, Fernsehen und Radio in Deutschland denken. 75 Prozent und damit drei Prozentpunkte mehr als 2015 teilen diesen Vorwurf nicht.“ An dieser Darstellung fällt zunächst auf, dass in der Presseerklärung von Bundesbürgern gesprochen wird, obwohl sich die Studie auf die wahlberechtigten Bundesbürger bezieht, also diejenigen, die älter als 17 Jahre sind. Sie machen etwa vier Fünftel der Gesamtzahl der Bundesbürger aus. Die könnte man noch als redaktionellen Fehler ansehen, wie er allerdings weder einem Forschungsinstitut noch einer Fernsehredaktion wie der des WDR unterlaufen dürfte.

Doch auch die Bezugnahme auf die Gesamtheit aller Wahlberechtigten birgt ihre Probleme, weil sich hinsichtlich des Themas „Lügenpresse“ (wenigstens) drei Gruppen unterscheiden lassen. Jede dieser Gruppen ist in sich weitgehend homogen, was den Bezug ihrer Mitglieder zu dem Thema „Lügenpresse anlangt. Sie unterscheiden sich aber grundlegend in der Einstellung ihrer Mitglieder. Zum einen dürfte es eine Anzahl von wahlberechtigten Bürgern geben, die mit dem Begriff „Lügenpresse“ nicht anfangen können, etwa, weil sie ihn bis zum Zeitpunkt der Befragung nicht kannten oder nicht wirklich wahrgenommen hatten. Eine zweite Gruppe bilden diejenigen wahlberechtigten Bürger, die den Begriff und seine Bedeutung zwar kennen, für die er jedoch ohne Belang ist, weil sie sich für politische Informationen nicht interessieren. Es sind dies beispielsweise die Leser des Kicker oder von Auto, Motor und Sport, oder die Bezieher einer Tageszeitung, die ausschließlich deren Lokalteil oder die Todesanzeigen lesen, die Rosamunde-Pilcher-Fernsehschauer oder begeisterten Zeugen der Dschungelcamps.

Die Mitglieder dieser beiden Gruppen sind in der obigen Grafik in den 75 Prozent enthalten, „die nicht von Lügenpresse sprechen“ würden. Sie sind aber für die Fragestellung, inwieweit der befragte Nutzer von Presse, Radio und Fernsehen der politischen Berichterstattung dieser Medien Glauben schenkt, ohne Bedeutung. Der zahlenmäßige Umfang dieser beiden Gruppen ist dem Leser, der die Grafik zur Kenntnis nimmt, nicht bekannt. Er kann auch nicht wissen, ob der Befragung eine solche Differenzierung überhaupt zugrunde gelegen hat. Unbefangene Leser werden sich diese Fragen aber erst gar nicht stellen. Und der Suggestion der Grafik erliegen: Sechs Siebtel der Bevölkerung halten die Medien für glaubwürdig.

Eine dritte Gruppe von wahlberechtigten Bürger bilden schließlich diejenigen, die ein gezieltes Interesse für die politisch relevante Berichterstattung aufweisen. Daran, ob diese Menschen die politikrelevante Berichterstatung der Medien für verlässlich oder verfälscht erachten, besteht in der Tat ein großes öffentliches wie auch partikuläres Interesse. Es ist jedoch fraglich inwieweit sich dies durch eine einfache Abfrage, ob man von „Lügenpresse“ spreche oder nicht, erfassen lässt. „Lügenpresse“ ist ein ausgesprochen grober, plumper, gehässiger Vorwurf, wie man ihn eher von einfach gestrickten Gemütern mit geringem Wortschatz oder von hochgradig erregten oder erregbaren Zeitgenossen erwarten würde. Menschen, die zu differenziertem Denken neigen oder die um die historische Belastung dieses Begriffes wissen, würden auch bei nachhaltig kritischer Bewertung der medialen Kommunikatoren wohl eher von einem solchen Wortf Abstand nehmen. Beide Argumente sprächen dafür, dass die in der Grafik ausgewiesenen 20 Prozent, die „von Lügenpresse sprechen“ würden, die tatsächliche Anzahl von medienkritischen politisch interessierten Mitbürgern eher unterschätzt.

Wenn es also darum geht, die Glaubwürdigkeit der politisch relevanten Berichterstattung der Medien Presse, Radio und Fernsehen bei denjenigen Staatsbürgern zu eruieren, die sich um die politische Entwicklung unseres Landes sorgen, ist die obige Beispielsgrafik ausgesprochen irreführend: Die kritische Haltung der politisch engagierten wahlberechtigten Staatsbürger wird klar unterschätzt. Das Ausmaß der Fehleinschätzung ist aus der zitierten Veröffentlichung weder direkt zu entnehmen noch abzuleiten. Zwar werden Vertrauensintervalle angegeben. Diese beziehen sich aber ganz formell (nur) auf das vordergründige, in der Grafik festgehaltene numerische Ergebnis und können nicht auf die zugrundeliegende eigentliche Fragestellung extrapolitiert werden.

Meine Schlussfolgerung: Allein auf Grund dieser Überlegungen würde ich die hier behandelte Frage in die Kategorie „quick and dirty“ einordnen. Dabei sind die stichprobentheoretischen Probleme einer auf Telefoninterviews beruhenden Erhebung noch nicht berücksichtigt. Dieses Urteil ist kein Verdikt über Meinungsumfragen generell. Die Argumente sind aber geeignet, die Probleme solcher Erhebungen paradigmatisch zu erhellen.


  1. Quelle: Studie im Auftrag des WDR „Glaubwürdikeit der Medien“ durchgeführt von infratest dimap. Folie 11. Dezember 2016. Abgerufen von der Homepage des WDR.
  2. Dieser Grafik liegt, wie der ganzen Studie, eine telefonische Befragung von 1000 wahlberechtigten Deutschen in der Zeit vom 14. bis zum 17. Dezember 2016 zugrunde.